Taekwondo (auch
Tae-Kwon-Do oder Taekwon-Do) ist ein koreanischer Kampfsport
und
steht für Fuß (Tae),
Faust (Kwon) und Weg (Do, hier ist der Weg des Geistes
gemeint).
Obwohl Taekwondo für den laienhaften Betrachter
große Ähnlichkeiten mit anderen asiatischen
Kampfsportarten aufweist, unterscheidet es sich in einigen
wesentlichen Punkten von diesen. So ist die Taekwondo-Technik
sehr auf Schnelligkeit und Dynamik ausgelegt, was nicht
zuletzt durch den Wettkampf bedingt ist. Im Taekwondo dominieren
Fußtechniken deutlicher als in vergleichbaren Kampfsportarten.
Der Begriff Taekwondo tauchte erstmals 1955 auf und wurde
von General Choi Hong-hi (ITF) entwickelt. Weltweit gibt
es zwei Taekwondo-Stile (ITF und WTF),
die sich hauptsächlich in der Formausübung und im sportlichen Kampf
unterscheiden. Taekwondo entwickelte sich während der japanischen Besatzung
in Korea und wurde durch das japanische Karate mit beeinflusst. Natürlich
gab es lange vor der Einführung des Karate waffenlose Kampfkünste
in mehr oder weniger systematischer Form in Korea. Ihr ursächlicher Einfluss
auf die spätere Kampfart Taekwondo darf aber mit Sicherheit ausgeschlossen
werden. Erst später, als sich verschiedene Taekwondo-Unterstile herauszukristallisieren
begannen, wurden einige Elemente im Nachhinein hinzu ergänzt, wie etwa
das im Taekgyeon entsprechend vorhandene Verbot des olympischen Wettkampfsystems,
mit der Faust den Kopf zu treffen. Das Wort Taekwondo setzt sich aus den folgenden
drei sinokoreanischen Silben zusammen:
Tae = „Tritt“ (steht für alle Fußtechniken),
Kwon = „Faust“ (steht für alle Hand- und Armtechniken) und
Do = „Weg“ (wie im Deutschen auch als Methode oder Zielstreben
zu verstehen, mit dem chin. Begriff TAO in engem Zusammenhang ).
Taekwondo als moderner Sport unterteilt sich heute in die einzelnen Disziplinen:
Formenlauf (Teul, Hyeong, Pumsae
(Taegeuk/Palgue)): festgelegte Techniken werden in vorgegebener
Reihenfolge durchgeführt.
Selbstverteidigung (Hosinsul): Selbstverteidigung gegen einen/mehrere unbewaffnete
oder bewaffnete Gegner.
Einschrittkampf (Hanbon Kirugi, Ilbo-Matsoki, Ilbo-Taeryeon): Ein Schaukampf
mit festgelegter Technikenreihenfolge gegen einen Gegner. Neben dem Einschrittkampf
gibt es auch noch den Zwei- und Dreischrittkampf (Ibo- bzw. Sambo-Matsoki,
Ibo- bzw. Sambo-Taeryeon), die eher untergeordnete Bedeutung haben.
Bruchtest (Gyeokpa): Zerstören von Holzbrettern, Ziegeln oder sonstigen
Materialien mittels Taekwondo-Techniken.
Freikampf (Daeryeon, Matsoki oder Gyeorugi): abgesprochener oder freier Kampf
in verschiedenen Kombinationen.
Wettkampf (Chayu Matsoki): Leicht-, Semi- oder Vollkontaktkampf gegen einen
Gegner.
Grundschule (Gibon Yeonseup), Gymnastik (Dosoo Dallyon) und Theorie (Ilon)
sollten aber auch ständige Trainingsbestandteile sein.
Durch kontinuierliches Training und bewusste Ausübung dieser Disziplinen
sollen die Taekwondoins, so werden alle Taekwondo-Betreibenden genannt, ihren
Geist schulen. General Choi Hong-hi, der Begründer des ursprünglichen
Taekwondos, hat dies in fünf zu erreichenden Zielen zusammengefasst, die
als „Grundsätze des Taekwondo“ gelten:
Ye-Ui, die Höflichkeit
Yom-Chi, die Integrität
In-Nae, das Durchhaltevermögen
Guk-Gi, die Selbstdisziplin
Beakjul-bool-gul, die Unbezwingbarkeit
Um diese Ziele zu erreichen, stellte Choi Hong-hi einen Eid auf, dem sich alle
Taekwondo-Schüler verpflichtet fühlen sollen:
Ich verpflichte mich, die Grundsätze
des Taekwondo einzuhalten
Ich verpflichte mich, meinen Trainer und alle Höhergestellten
zu achten
Ich verpflichte mich, Taekwondo nie zu missbrauchen
Ich verpflichte mich, mich für Freiheit und Gerechtigkeit einzusetzen
Ich verpflichte mich, bei der Schaffung einer friedlicheren Welt mitzuarbeiten
Um mit einer Taekwondo-Technik die nötige Kraft und die damit verbundene
durchschlagende Wirkung zu erzielen, bedient sich der Taekwondoin bestimmter
physikalischer Gesetzmäßigkeiten. Das Wissen um diese physikalischen
Gesetze nannte Choi Hong-hi „Theorie der Kraft“. Sie besteht aus:
Konzentration: Die gesamte Kraft
genau im Moment des Schlages auf eine möglichst kleine Fläche wirken
zu lassen. Große Fläche = kleine Kraftwirkung,
kleine Fläche = große Kraftwirkung.
Reaktionskraft: Gegnerische Kraft plus eigene Kraft = Kraft, die auf den Gegner
einwirkt.
Gleichgewicht: Angriff wird wirksamer und Abwehr wird stabiler, wenn der Körper
sich im Gleichgewicht befindet.
Atmungskontrolle: Eigene Schlagwirkung und Schutz des eigenen Körpers
erhöhen sich durch Anspannen der Bauchmuskeln (Ausatmen und Pressen) im
Moment des Schlages.
Schnelligkeit: Je größer die Geschwindigkeit, desto größer
ist die wirksame Kraft. In physikalische Formeln ausgedrückt: Kraft =
Masse × Beschleunigung, wobei Beschleunigung = Geschwindigkeitsänderung
pro Zeitintervall.
Masse: Je größer die am Schlag beteiligte Masse (Hüfte und
gesamter Körper, nicht nur das schlagende/tretende Körperteil), desto
größer die wirksame Kraft. Kraft = Masse × Beschleunigung.
Geschichte und Entwicklung
Wie in vielen Ländern, aus denen Kampfsportarten hervorgegangen sind,
gibt es auch in Korea eine Jahrhunderte alte Tradition an Kampfkünsten.
Es ist jedoch kein direkter ursächlicher Einfluss von ihnen auf die Entstehung
und anfängliche Entwicklung dessen, was später Taekwondo werden sollte,
festzustellen.
Die gelegentlich anzutreffende
Behauptung, einer der propagierten Vorläufer des Taekwondo stamme bereits
vom legendären Staatengründer Dangun ab, Taekwondo
sei somit letztlich über 4000 Jahre alt und somit
die älteste Kampfkunst Ostasiens, entbehrt jeder historischen
Grundlage. Sie darf vielmehr als Ausdruck eines Unterlegenheitsgefühls
patriotischer koreanischer Kampfkünstler insbesondere
Chinas und Japans gegenüber verstanden werden, das
viel zu oft anzutreffen ist. Dazu gibt es jedoch keinen
Grund, denn Korea kann auf eine etwa anderthalb Jahrtausende
alte eigenständige Kampfkunst-Tradition zurück
blicken, die sich hinter denen anderer ostasiatischer Nationen
nicht zu verstecken braucht. Man sollte diese Tradition
der Ehrlichkeit halber nicht künstlich mit der Entwicklung
des Taekwondo vermischen.
Traditionelle
koreanische Kampfkünste
Zur Zeit der Morgendämmerung der Kampfkünste in Ostasien bestand
Korea aus drei Königreichen: Goguryeo im Norden, dem westlichen Königreich
Baekje sowie dem kleinsten Reich im Südosten, Silla. Ein großer
Teil Goguryeos, des größten der drei Reiche, lag damals im Gebiet
der heutigen chinesischen Mandschurei. Diese Gebiete gingen verloren, nachdem
das kleine Silla mit Unterstützung von Tang-China die beiden anderen Reiche
unterworfen hatte. Damals gab es in Silla den Orden der Hwarang, etwa „Blumenknaben“,
die eine besondere kulturelle, gesellschaftliche und religiöse Ausbildung
erfuhren und zumindest zeitweise auch in kriegerischen Künsten ausgebildet
wurden. Vermutlich befand sich darunter auch Subak. Was Subak zu dieser Zeit
darstellte, ist allerdings komplett unbekannt. Aus diesem (chinesisch geschriebenen)
Subak entwickelte sich vermutlich irgendwann das (in Hangeul geschriebene)
Tak-gyeon (sic!), das bis zur Zeit der japanischen Annexion Koreas vor allem
im einfachen Volk, also auch bei Gaunern und Räubern, beliebt war. Taekgyeon
gilt allgemein als genuin koreanische Kampfkunst, deren typische Bewegungsmuster
in keiner anderen ostasiatischen Kampfart anzutreffen sind. Aufgrund des während
der 35-jährigen Besatzungszeit bestehenden Verbots für Koreaner,
Kampfkünste auszuüben, starb diese traditionelle koreanische Kampfkunst
beinahe aus. Verschiedentlich wird von den Gründervätern des späteren
Taekwondo wie Choi Hong-hi und Hwang Ki behauptet, sie hätten in ihrer
Jugend Taekgyeon gelernt, aber weder gibt es darüber Aufzeichnungen, noch
kann man die typischen Taekgyeon-Elemente wie etwa die tänzerische Wipp-Bewegung
oder den Atmungsrhythmus in ihrem ursprünglichen Stil entdecken.
Eine weitere traditionelle koreanische
Kampfkunst ist Ssireum, ein Ringkampfstil, den es etwa
seit der Joseon-Dynastie
gibt. Es ist noch heute ein beliebter Zuschauersport. Im
Unterschied zum japanischen Sumo ist es dabei nicht das
Ziel, den Gegner aus dem Ring oder auf den Boden zu stoßen,
sondern, ähnlich wie beim schweizerischen Schwingen,
den Gegner durch Ziehen und Ausheben aus dem Gleichgewicht
zu bringen. Ein ursächlicher Einfluss dieses traditionellen
koreanischen Kampfsports aufs spätere Taekwondo kann
mit Sicherheit ausgeschlossen werden.
Ausgrabungen japanischer Archäologen im Jahre 1935
im Gebiet des heutigen Nordkorea legten Wandmalereien in
Goguryeo-Gräbern frei, auf denen je nach Interpretation
Tänzer oder Duellisten in Nahkampfposen abgebildet
sind. Um welchen Kampfstil es sich dabei handeln könnte,
ist heute nicht mehr zu klären, denn außer diesem
Bild sind keine schriftlichen Aufzeichnungen darüber
gefunden worden. Die häufig auf offiziellen Taekwondo-Seiten
zu findende Behauptung, dies sei ein Vorläufer des
Taekwondo gewesen, ist reine Spekulation und entstammt
dem Reich der Fantasie, nicht der Fakten.
Daneben werden oftmals die Keumgang-Wächterstatuen
in Sukkuram als Beleg einer Jahrhunderte alten Taekwondo-Tradition
herangezogen. Dies sind zwei Wächter, die in auffälligen
Kampfstellungen den Eingangsbereich eines buddhistischen
Tempels bewachen. Doch dieser Beleg entpuppt sich als Fehlgriff,
denn derartige Figuren finden sich überall in China
und Indien (wobei die älteren Figuren Waffen in den
Händen halten), und demnach müsste Taekwondo
letztendlich aus Indien stammen.
Eine letzte Kampfart, die in Korea
vor der japanischen Besatzungszeit vermutlich anzutreffen
war, ist Kwon-beop.
Doch dies ist definitiv keine traditionelle koreanische
Kampfkunst, sondern nur die koreanische Schreibweise des
chinesischen Quanfa oder japanischen Kempo, bedeutet also
etwa „Fausttechnik“. Tatsächlich hatte
diese Kampfart seinen Ursprung in China und kam über
die Mandschurei nach Korea. Sie wurde von Soldaten etwa
seit dem Ende der japanischen Invasion 1598 als letztes
(waffenloses) Mittel auf dem Schlachtfeld trainiert, als
ein vergleichsweise kleiner Bereich unter dem großen
Angebot an bewaffneten Kampftechniken. Die Kwon-beop-Bewegungen
sind in dem militärischen Lehrwerk Muye Dobo Tongji,
dem „illustrierten Handbuch der Kampfkünste“ von
1790, dargestellt. Dort wird eine Übersichtstafel
mit vielen weit ausholenden Armschwüngen durch einzelne,
tiefe Fußtritte aufgelockert. Ein ursächlicher
Einfluss auf das spätere Taekwondo kann allein schon
aus dem Grund der Unterschiedlichkeit der Techniken ausgeschlossen
werden.
Die Ausübung von Kampfkünsten erfuhr in der
Geschichte Koreas zwei große Dämpfer. Der erste
war der Übergang vom Buddhismus zum Konfuzianismus
als Gesellschaftsordnung zu Beginn der Joseon-Dynastie.
Alles, was mit dem Militärwesen oder dem Kriegswesen
zu tun hatte, wurde zugunsten anderer kultureller Errungenschaften
gesellschaftlich abgewertet. Ssireum, Subak, später
Taekgyeon und im Militär Kwon-beop wurden zwar weiterhin
ausgeübt und erfuhren in manchen Kreisen regelrechte
Beliebtheit. Taekgyeon-Spiele etwa wurde gerne auf manchen
Festen ausgeübt, besonders von Kindern. Der zweite,
weitaus größere Einschnitt folgte auf die Besetzung
Koreas durch Japan. Die Ausübung von Kampfkünsten
war Koreanern generell verboten, nur in seltenen Einzelfällen
scheint dies geschehen zu sein. Die Taekwondo-Begründer
haben allesamt japanische Kampfkünste im Ausland gelernt.
Entstehung und Entwicklung des
Taekwondo im 20. Jahrhundert
Nach der Joseon-Dynastie wurde Korea 1910 von Japan annektiert.
Alles, was Kultur und Geschichte Koreas ausgemacht hatte,
wurde systematisch unterdrückt
und verboten. Das galt auch für traditionelle koreanische Kampfarten wie
Taekgyeon und Ssireum. Die japanischen Besatzer brachten zwar Kampfarten wie
Jujutsu, Kendo, Judo, Karate oder Sumo von zuhause mit, aber Koreanern war
es offiziell verboten, sie zu erlernen. Ausnahmen gab es beispielsweise für
Koreaner, die in Japan studiert oder im japanischen Militär gedient haben.
Die Fünf Ursprungsstile
Nachdem 1943 das Verbot fiel, Kampfkünste auszuüben, und mehr noch
nach der Unabhängigkeit Koreas im Jahr 1945 kehrte eine Handvoll Koreaner
zurück, die im Ausland, also in Japan und der Mandschurei, vor allem japanisches
Karate gelernt hatten. Sie eröffneten die 5 ursprünglichen Kampfkunst-Schulen,
aus denen später das Taekwondo entstehen sollte:
Lee Won-Kuk hatte Shotokan-Karate
bei Gichin Funakoshi gelernt und begann bereits 1944,
Dangsudo in seiner Schule,
dem Cheongdo-Kwan („Halle des wahren Weges“)
in Seoul, zu unterrichten. Lee flüchtete 1953 aus
politischen Gründen nach Japan und emigrierte 1976
in die USA.
Hwang Ki lernte ab 1936 in der ebenfalls japanisch besetzten
Mandschurei vermutlich Karate, auch wenn er den Stil später als einen chinesischen ausgab. 1945
gründete er in Seoul den Moo Duk Kwan (etwa „Halle der Kampftugenden“).
Seinen Stil nannte er zunächst ebenfalls Dangsudo, später dann, in
Korea, Subakdo. Auf internationaler Ebene behielt er den Namen Dangsudo (geschrieben „Tang
Soo Do“, abgekürzt TSD) bei, unter dem sein Stil vor allem in den
USA heute noch betrieben wird.
Chun Sang-Sup hatte Judo und Karate während seines Studiums in Japan gelernt
und schloss sich 1946 dem Yeonmu-Kwan an, der größten Seouler Judo-Schule,
wo er neben Judo auch Gongsudo unterrichtete. Chun gilt als im Korea-Krieg
verschollen. Seine Schüler änderten den Schulnamen daraufhin in Jido-Kwan
(„Weg der Weisheit“).
Yoon Byung-In kehrte als ranghöchster koreanischer Karateka aus Japan
zurück, wo er bei Kanken Toyama (Shudokan-Stilgründer) den 5. Dan
im Shudokan-Karate erreicht hatte. Er soll in der Mandschurei auch Kwon Bop
(chinesisches Quanfa/Kung fu) gelernt haben.
Ebenfalls 1946 gründete er den Changmu-Kwan im Seouler YMCA und nannte
seinen Stil (vermutlich aus politischen, das heißt anti-japanischen Gründen)
Kwon-Bop („Faustmethode“). Yoon wurde vermutlich während des
Korea-Krieges nach Nordkorea verschleppt.
Ro Byung-Jik hatte zusammen mit Lee Won-Kuk Shotokan-Karate bei Gichin Funakoshi
gelernt und trug bei seiner Rückkehr den 1. Dan. Seine erste Schule gründete
er bereits vor der Unabhängigkeit in Kaesong im heutigen Nordkorea, zog
aber mangels Erfolg 1946 nach Seoul und eröffnete dort den Seongmu-Kwan
(abgeleitet von „Seong Do Kwan“, der koreanischen Aussprache des
japanischen Shotokan).
Der Dangsudo-Stil
Alle nannten ihren Stil zunächst Dangsudo (Tangsoodo)= „Weg der
(Dang-)China-Hand“ oder Gongsudo(Kongsoodo) = „Weg der leeren Hand“.
In beiden Fällen handelt es sich um die koreanische Aussprache dessen,
was auf japanisch Karate gelesen wird. Das Wort „Karate“ erfuhr
in den 1930ern eine Deutungs- und Bedeutungsänderung von „(Dang-)China-Hand“ in „leere
Hand“. In diesen fünf ersten Seouler Taekwondo-Schulen wurde ursprünglich
also die eine oder andere Art Karate trainiert, und Ausländern gegenüber
wurde es bis in die 1960er Jahre hinein als „Koreanisches Karate“ vorgestellt.
Allerdings bestanden zwischen den Schulen unterschiedliche Standards für
Dan-Prüfungen. So kam es bereits vor dem Korea-Krieg zu ersten Gesprächen über
einen eventuellen Dachverband, doch erst während des Kriegs einigten sich
die Kwan-Vertreter in Busan auf die Koreanische Gongsudo-Vereinigung.
Diese erste Vereinigung zerfiel
bereits nach wenigen Monaten, weil Hwang Ki gleich darauf
in Seoul im Alleingang
die Koreanische Dangsudo-Vereinigung gründete, woraufhin
auch Son Duk-sung aus der Gongsudo-Vereinigung austrat.
Son Duk-sung hatte inzwischen die Leitung des Cheongdo-Kwan übernommen,
damals die größte zivile Kampfkunst-Schule.
Nach dem Koreakrieg
Kurz nach dem Krieg gelang es Generalmajor Choi Hong-hi, durch seine Schüler
Einfluss auf die Leitung des Cheongdo-Kwan zu nehmen; er selber wurde Kwan-Chef
ehrenhalber. Choi hatte Anfang der 1940er Jahre in Japan je nach Quelle den
1. oder 2. Dan im Karate erlangt, bevor er erst der japanischen, nach Koreas
Unabhängigkeit der koreanischen Armee beitrat. Bei jeder Gelegenheit trainierte
er seine Untergebenen und Kollegen im Karate und traf dabei auf den hochtalentierten
Nam Tae-hi, der Dangsudo im Cheongdo-Kwan gelernt hatte und gleich Chois rechte
Hand wurde. Nam Tae-hi beeindruckte Koreas Präsident Syngman Rhee während
einer Demonstration im Jahre 1952 mit einem Dachziegel-Bruchtest so sehr, dass
dieser Gongsudo-Training für alle Soldaten anordnete. Dazu gründeten
Choi und Nam 1953 den militärinternen Odo-Kwan („Mein Weg“),
der im Laufe der Zeit zur einflussreichsten Kampfkunst-Schule wurde, denn früher
oder später musste jeder junge Koreaner das Militär passieren. Somit
verschärfte sich die Situation für die anderen Kwan, denn im Militär
wurden zunächst nur die Dan-Graduierungen des Choi-hörigen Cheongdo-Kwan
anerkannt.
Die 1950er Jahre
In den späteren 1950er Jahren spitzte sich die Lage auf einen Machtkampf
zwischen Hwang Ki und Choi Hong-hi zu. Hwang organisierte mehrere Dangsudo-Vorführungen
und bemühte sich, seinen Stil über seine Schüler im Militär
bekannt zu machen. 1955 organisierte Choi mit Unterstützung der Regierung
eine Kommission, die erneut über eine Vereinigung der verschiedenen Gongsudo-Stile
verhandelte. Diese Kommission umfasste allerdings nicht alle betroffenen Kwan,
sondern bestand aus Vertretern des Cheongdo-Kwan, des Odo-Kwan, des Militärs
und der Regierung. Bei dieser Gelegenheit kreierte Choi Hong-hi am 11. April
1955 den Namen „Taekwondo“, ein Name, der, schmissig ausgesprochen,
ganz bewusst an das traditionelle Taekgyeon erinnern sollte, auch wenn es keine
inhaltliche Verwandtschaft dazu gab. Dieser Name wurde bis in die 1960er Jahre
außerhalb von Chois Einflussbereich, also dem Cheongdo-Kwan und dem Odo-Kwan,
nicht verwendet.
Hwang Ki kreierte ebenfalls einen
neuen Namen für
seinen Stil, nachdem er 1957 das alte Buch „Muye
Dobo Tongji“ (etwa „Illustriertes Handbuch
der Kampfkünste“) von etwa 1790 wieder entdeckt
und ins moderne Koreanisch übersetzt hatte: Subakdo,
etwa „Weg der schlagenden Hand“. Daneben behielt
er die Bezeichnung Dangsudo für seine internationalen
Bestrebungen bei, unter der er zunächst lokale Vorführungen
und ab den 1960er Jahren internationale Turniere organisierte.
Mit Unterstützung der Rhee-Regierung organisierte
Choi 1959 die Gründung der ersten Koreanischen Taekwondo-Vereinigung
und wurde deren erster Präsident. Hwang Ki und andere
plädierten dabei für den Namen Dangsudo, aber
mittels seiner militärischen Autorität konnte
Choi sich durchsetzen. Seine Machtbasis brach aber im Zuge
der Studentenrevolution am 19. April 1960 unter ihm zusammen,
ebenso die frisch gegründete, aber offiziell noch
nicht registrierte Taekwondo-Vereinigung. Hwang Ki nutzte
die Gunst der Stunde, und mithilfe eines guten politischen
Kontaktes im Ministerium gelang ihm kurz darauf handstreichartig
die Registrierung seines eigenen Verbandes, den er in Koreanische
Subakdo-Vereinigung umbenannte. Damit war der Weg für
Taekwondo zunächst verbaut, denn eine zweite Vereinigung
für den gleichen Sport registrieren zu lassen war
nicht möglich.
Die 1960er Jahre
Am 16. Mai 1961 putschte General Park Chung-hee, und kurz danach wurde per
Dekret Nr. 6 die Neuordnung der Dangsudo/Gongsudo/Subakdo-Registrierung verordnet.
Dies hätte die große Stunde des Generals Choi Hong-hi werden können,
doch es gab Differenzen zwischen den beiden Militärführern, und Choi
wurde als Botschafter nach Malaysia abgeschoben. Die koreanische Taekwondo-Entwicklung
fand für die nächsten 4 Jahre ohne Choi statt. Er entwickelte im
Exil sein Hyeong-System (s. u., „Formenlauf“) und setzte seine
Bemühungen eigenmächtig fort, Taekwondo international, etwa bei den
US-Truppen in Vietnam, bekannt zu machen.
Im September 1961 kam es zur Gründung der Koreanischen
Taesudo-Vereinigung (Korean Taesoodo Association, kurz
KTA), wobei man sich auf den neuen Namen „Taesudo“ (etwa „Tritt-Hand-Weg“)
als Kompromiss zwischen Dangsudo, Subakdo und Taekwondo
einigte. Man entwickelte einheitliche Prüfungs- und
Wettkampfregeln und schickte Show-Teams ins Ausland.
Korean Taekwondo Association
1965 kehrte Choi Hong-hi nach Korea zurück, und er wurde gleich zum neuen
KTA-Präsidenten gewählt. Sofort änderte er den Namen der Kunst
in Taekwondo – angeblich wurde die Namensänderung mit einer Stimme
Mehrheit beschlossen – und forcierte die Bestrebungen nach Internationalisierung.
So kam Taekwondo nach Deutschland und führte 1967 zur Gründung des
Deutschen Taekwondo-Verbandes mit Ausrichtung der 1. Deutschen Taekwondo-Meisterschaft.
Hwang Kis Moo Duk Kwan spaltete sich über die Streitfrage, ob man Chois
KTA folgen solle oder nicht, und viele seiner Schüler schlossen sich der
KTA an. Hwang Ki selbst blieb von der KTA unabhängig und gründete
später im Ausland, insbesondere in den USA, verschiedene Dangsudo-Verbände.
Gründung der ITF
Der permanente Streit zwischen KTA-Präsident Choi und den anderen Kwan-Leitern
führte dazu, dass man Choi bereits ein Jahr später nötigte,
vom Posten zurückzutreten und ihm im Gegenzug die Gründung eines
eigenen Verbandes, der International Taekwon-Do Federation, kurz ITF, zusicherte.
Sie wurde am 22. März 1966 in Seoul mit den Gründungsländern
Arabien, Deutschland (West), Italien, Korea, Malaysia, Singapur, Türkei,
USA und Vietnam vollzogen. Erster und bis zu seinem Tod einziger Präsident
war selbstverständlich Choi Hong-hi.
In den folgenden Jahren wuchs der
Konflikt zwischen der KTA und der ITF, sodass man in
der KTA eigene Formen entwickelte,
die Pumsae (erst acht Palgwe, dann acht Taegeuk) und die
neun Yudanja (koreanische Aussprache des japanischen „Yudansha“,
siehe unten, „Formenlauf“).
Die 1970er Jahre
1971 wurde Dr. Kim Un-Yong zum 6. KTA-Präsidenten gewählt. Im selben
Jahr stellte sich der südkoreanische Präsident Park Chung-hee zur
Wiederwahl, und weil er eine Krise kommen sah, rief er Ende des Jahres den
nationalen Notstand aus. Noch vorher entdeckte er Taekwondo als nationales
Erziehungsmittel und fertigte am 20. März 1971 höchstpersönlich
eine Kalligraphie an, mit der er Taekwondo zum koreanischen Nationalsport (Gukki
Taekwondo, etwa „nationaler Schatz Taekwondo“) erklärte. Im
selben Jahr erfolgte die Grundsteinlegung des Gukkiwon (etwa „Ausübungsstätte
des nationalen Schatzes“), des „Welt-Taekwondo-Hauptquartiers“ (so
der offizielle Titel), das 1972 fertig gestellt wurde. Präsident war ebenfalls
Kim Un-yong.
Trennung der Verbände in WTF
und ITF
Im selben Jahr verließ Choi Hong-hi vermutlich wegen Verbandsstreitigkeiten
Südkorea. Er verlegte den Sitz der ITF nach Toronto in Kanada und begann
die Reform seines Taekwon-Do. Als Folge davon wurde am 28. Mai 1973 im Zuge
der im Kukkiwon stattfindenden ersten Taekwondo-Weltmeisterschaft die World
Taekwondo Federation, kurz WTF, mit Sitz in Seoul gegründet. Auch hier
wurde Kim Un-Yong Präsident. KTA, WTF und Kukkiwon arbeiteten nun mit
Unterstützung der Park-Regierung Hand in Hand daran, die verschiedenen
Taekwondo-Schulen (Kwan) Südkoreas aufzulösen, um ein einheitliches
Taekwondo-System durchzusetzen. Hwang Ki gewann zwar diverse Prozesse dagegen,
doch der Druck auf ihn und seine Schule wurde immer größer, bis
er schließlich nachgab und 1974 in die USA zog. 1976 wurden die noch
bestehenden Kwan durch Nummern ersetzt und zwei Jahre später ganz aufgelöst.
Auf dem Weg zur Olympischen Disziplin
Die späteren 1970er und 1980er Jahre waren geprägt durch den Konflikt
beider Taekwondo-Weltverbände, respektive ihrer Präsidenten Choi
Hong-hi und Kim Un-Yong. Kim konnte dabei auf die massive Unterstützung
seiner Regierung bauen, und so gelang ihm schließlich 1980 die Anerkennung
der WTF als Weltfachverband Taekwondo vom IOC. Bei den Olympischen Spielen
1988 in Seoul und 1992 in Barcelona war das WTF-Taekwondo als Demonstrationswettbewerb
zugelassen, 2000 in Sydney und 2004 in Athen war es vollwertige olympische
Disziplin.
Verbände
und Organisationen
Taekwondo ist sowohl national als auch international
in sehr viele Verbände
zersplittert; es lassen sich allerdings zwei dominante Organisationen identifizieren:
die beiden Weltverbände ITF (International Taekwon-Do Federation, gegründet
im Jahr 1966) und WTF (World Taekwondo Federation, gegründet 1973). In
Deutschland ist die DTU – Deutsche Taekwondo Union e.V. – dem Weltverband
WTF angegliedert. Die DTU ist dem Deutschen Sportbund und dem Nationalen Olympischen
Komitee angegliedert und somit offizieller Taekwondo-Verband in Deutschland.
Darüber hinaus gibt es viele unabhängige Schulen,
die sich mehr oder weniger an die Verbandsstile anlehnen
oder sich am „traditionellen“ Taekwondo-Stil
orientieren, wie er ursprünglich von General Choi
Hong-hi in den 1950er und 1960er Jahren entwickelt wurde.
Ein Beispiel hierfür ist das „Traditionelle
Taekwondo“ nach Kwon Jae-hwa, welches sich deutlich
von dem „modernen“ Taekwondo der DTU, ITF und
WTF unterscheidet, vor allem durch den Verzicht auf Schutzausrüstung
beim Wettkampf. Es wird kontaktloser Kampf praktiziert,
Schläge und Tritte werden kurz vor dem Gegner abgestoppt.
Die zwei größten Verbände:
ITF und WTF
Die ITF hat ihren Sitz in Wien, nachdem ihr Gründer General Choi Hong-hi
nach Kanada emigrierte und den Sitz der ITF zunächst nach Toronto und
dann 1985 nach Wien verlegt hatte.
Die WTF hat ihren Sitz in Seoul
(Südkorea), der
Gründer ist Kim Un-Yong. Sie wurde 1973 als Reaktion
auf die Emigration von General Choi und die parallel stattfindende
Verlegung der ITF-Zentrale gegründet. Begründung
dafür war, dass Taekwondo als koreanischer Nationalsport
seinen Zentralsitz unbedingt in Korea haben sollte. Unter
dem Dach der WTF findet das Olympische Taekwondo statt,
daher ist eine Teilnahme an den Olympischen Spielen nur
als Angehöriger der WTF möglich.
Stilunterschiede
Aus verbandspolitischen Gründen haben sich im Taekwondo verschiedene Stile
entwickelt, auch deshalb, weil sich gerade die großen Weltverbände
gezielt weiterentwickeln: vor allem die WTF versucht, den Sport publikumswirksamer
und damit die Wettkämpfe attraktiver zu gestalten. Demgegenüber setzen
die traditionellen Schulen auf das Althergebrachte, das sie bewahren wollen.
Die Stile unterscheiden sich daher vor allem in den Formenläufen, in der
Namensgebung der Techniken sowie in der Art des Wettkampfes. Die Techniken
selbst sind im Grunde identisch. Hinzu kommt, dass diverse Großmeister
den jeweiligen Stil ebenfalls leicht beeinflussen, was dazu führt, dass
alle untergeordneten Schulen diesen Stil übernehmen. Dies betrifft vor
allem bestimmte Techniken und hier insbesondere den jeweiligen Bewegungsablauf.
Einige Großmeister verlangen weiche, fließende Bewegungen, andere
kantig-dynamische. Auch die Ausführungsgeschwindigkeit der jeweiligen
Technik unterscheidet sich oftmals.
Formenlauf
Formen (engl. Pattern) sind festgelegte Schritt- und Technikfolgen, sie gleichen
einem Kampf gegen imaginäre Gegner und dienen vor allem der Automatisierung
von Bewegungsfolgen und dem Training von passenden Atemtechniken.
Der geschichtliche Hintergrund
ist angeblich, dass es früher viel zu gefährlich gewesen wäre,
einen Trainingskampf gegen einen echten Gegner zu führen – bei
Verletzung oder Tod hätte dies zu erheblichen wirtschaftlichen
Problemen (Arbeitskraft in der Landwirtschaft) und entsprechenden
Racheakten der Familie des Opfers geführt. Es gibt
noch weitere Theorien über die Entstehung von Formen,
die sich in allen asiatischen Kampfarten und in den unterschiedlichsten
kulturellen Kontexten entwickelt haben.
Wettkampf
Das Taekwondo hat sich von einem koreanischen Volkssport mit der Verbreitung
in der Welt, der Austragung von internationalen Wettkämpfen und der Aufnahme
in das Programm der Olympischen Spiele zu einem modernen Wettkampfsport entwickelt.
Nach Angaben der WTF trainieren weltweit über 40 Millionen Athleten den
dynamischen Vollkontakt-Wettkampfsport, seit der offiziellen olympischen Anerkennung
in Sydney 2000 mit steigender Tendenz.
Regelmäßig finden auch Militär-Weltmeisterschaften
(CISM) im Vollkontakt-Wettkampf (WTF) statt. Die letzte
CISM-WM fand im Oktober 2004 in Warendorf statt, bei der
die deutsche Mannschaft mehrere Medaillen gewinnen konnte.
Der Wettkampf (Freikampf) findet
auf einem abgegrenzten Feld statt und wird von mehreren
Schiedsrichtern bewertet,
von einem Kampfrichter geleitet. Der Wettkampf geht über
wenige Minuten (olympisch drei Runden über jeweils
zwei Minuten mit jeweils einer Minute Pause), in denen
die Teilnehmer versuchen müssen, mit Taekwondo-Techniken
den Gegner zu treffen (Vollkontakt). Je nach getroffener
Körperstelle und Trefferwirkung werden Punkte vergeben,
bei unsportlichem Verhalten können auch Strafen, d.h.
Punktabzüge vergeben werden. Die genauen Kampfordnungen
unterscheiden sich von Verband zu Verband, können
aber in der Regel auf den Webseiten der Verbände eingesehen
werden (siehe Weblinks, unten). Die olympischen Wettkämpfe
finden in vier statt der sonst üblichen acht Gewichtsklassen
für Männer und Frauen nach den international
gültigen Wettkampfregeln der WTF statt. Im Vollkontakt
tragen die Wettkämpfer exakt vorgeschriebene Schutzausrüstung
(Kopfschutz, Schienbein- und Ellbogenschoner, Tiefschutz,
Zahnschutz, Brustpanzer).
Als Konsequenz der starken Wettkampforientierung
in der olympischen Disziplin werden schwerpunktmäßig
Techniken und Kombinationen geübt, die im Wettkampf
gemäß der Wettkampfordnung Trefferpunkte bringen.
Im Gegensatz dazu besinnen sich die traditionellen Schulen
auf ein Taekwondo ohne Wettkampfdruck und üben demzufolge
das gesamte Technikspektrum. Dennoch finden auch hier Freikämpfe
(meist Leicht- bzw. Semikontakt) statt. Hier stehen allerdings
statt der Trefferwirkung eher die korrekte und ästhetische
Ausführung der Technik(en) im Vordergrund.
Neben dem Freikampf werden auch Formenturniere ausgetragen,
diese Wettkampfdisziplin ist allerdings nicht olympisch.
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